Deutsches Hulu, legales Kino.to, give the people what they want

Gerade lese ich auf Basic Thinking, dass kino.to wieder da ist. Mit neuem Namen, als kinox.to, aber wen schert das schon. Entscheidend ist doch, dass die Tradition der Linksammlungen zu frei verfügbaren Medieninhalten weiterlebt.

Kino.to wurde vor einer Weile von der Polizei hochgenommen, bei einer europaweiten Razzia die Unmengen an Steuergeldern verschlang. Für was? Für nichts. Zunächst einmal dürfte nur ein geringer Teil der Bevölkerung die Schließung der Seite gut gefunden haben, zum anderen schossen in den Wochen danach neue, ähnliche Seiten aus dem Boden. Der Postillon titelte im Juni “Razzia bei kino.to zwingt Millionen User, zwei Minuten nach neuer Streaming-Plattform zu suchen.” Und so war es auch. Abgeschreckt wurde niemand, nur verärgert.

Seit kurzem studiere ich Marketing und Management. Zwei Lektionen habe ich bisher nur gehabt und doch reicht das dadurch erlernte Wissen aus um etwas zu sehen, was die ganze Entertainmentindustrie offenbar nicht sehen will: ein neuer Markt, ein neues Geschäftsfeld, und Abermillionen von Euro. 2,5 von diesen Millionen und ein “Luxusauto” (Basic Thinking) wurden bei einem kino.to Betreiber sichergestellt. Hochgerechnet auf die Anzahl der Beteiligten dürfte der Reingewinn der illegalen Seite locker im zweistelligen Millionenbereich liegen. Und jetzt ein Gedankenexperiment:

Nehmen wir an, die Filmindustrie nimmt das Brett vom Kopf weg und analysiert den Markt. Es finden sich in Deutschland 65 Millionen Internetnutzer, Tendenz steigend. Die Infrastruktur ermöglicht den Transfer großer Datenmengen. Und die Leute haben sich daran gewöhnt, ihre Filme und Serien zu sehen wann und wie oft sie es wollen. Der Markt schreit so laut nach diesen Angeboten, dass immer mehr Leute das Risiko auf sich nehmen illegale Portale online zu stellen. kinox.to ist eins davon, video2k.tv ein anderes, das als kino.to-Nachfolger gefeiert wurde. Ein Riesengeschäft boomt mit online kostenfrei angebotenen Filmen und Serien. Kostenpflichtige Angebote, wie das durchaus großartige Maxdome, scheinen sich im Gegenzug nicht so großer Beliebtheit erfreuen. Die Menschen, die Kunden, stufen den Wert einer How-I-Met-Your-Mother Folge heutzutage niedriger ein als zu den Zeiten in denen die heutigen Topmanager der Filmkonzerne in ihren Beruf starteten. Sie wollen nicht extra bezahlen und schon gar nicht erst die DVD kaufen um vor dem Einschlafen 20 Minuten Unterhaltung zu bekommen. Die Industrie stemmt sich mit aller Macht vergeblich gegen diesen Trend. Dabei liegt das Gold doch förmlich auf der Straße. Die Betreiber von kino.to haben es vorgemacht. Dabei wurde der Traffic und die Serverleistung von anderen getragen – von Duckload, Megavideo, Mystream – die auch alle sehr genau wissen dürften dass ihre Existenz von den illegal bei ihnen gehosteten Dateien abhängt. Alle haben sich offenbar rentiert und rentieren sich weiter. Der Grund: Werbung. Je mehr User eine Seite anzieht desto höher die Werbeeinnahmen. Je besser der Service einer Seite, desto mehr User werden angezogen. Ein vernünftig aufgestelltes legales Portal könnte ungeahnte Erträge generieren.

Nehmen wir an, die Filmindustrie nimmt das Brett vorm Kopf weg und setzt ein legales kino.to auf. Eigentlich könnten sie das sogar unter der selben Domain tun, die ja jetzt der Polizei gehört. Das neue Portal stünde in bester Tradition.
Die Filmindustrie, gestärkt durch Milliardengewinne, Aktien und vor allem die Sicherheit der Legalität, könnte ein neues kino.to erschaffen, von dem niemand je geträumt hätte. Mehr Server, bessere Server, größeres Datenvolumen. Vor allem könnte das Hosten erstmals integriert stattfinden, statt den Usern nervige Weiterleitungen auf externe Seiten aufzuzwingen. An Einfachheit und Komfort kaum zu übertreffen. Das Nächste könnte die Qualität sein. Statt schlecht abgefilmter verpixelter Kopien könnten Videos in HD bereitgestellt werden, oder dem User die Wahl der Qualitätseinstellungen (a la Youtube) gelassen werden.

Fassen wir doch die Vorteile eines neuen, legalen, kino.to zusammen:
- Tradition (keine Umgewöhnung) durch Beibehaltung der beschlagnahmten Domain
- Nie dagewesenes Datenvolumen und Videoqualität durch kommerziell finanzierte Server
- Integriertes Streaming, Komfort für User
- Garantierte extreme Nutzerzahlen durch jetzt schon riesigen, unterbefriedigten Markt
- Abzug der Nutzer von illegalen Seiten durch bessere Qualität, Service, und Legalität
- Finanzierung des Ganzen durch Werbung, mit höheren Einnahmen als bei illegalen Seiten
- Wegfall von Kosten für Produktion und Vertrieb von DVDs
- Geringe Kosten, da wenig Personal zur Pflege der Seite benötigt wird

Das Prinzip ist nicht neu und wird in den USA schon länger praktiziert. Daher der Ruf nach einem “deutschen Hulu.” Hulu ist im Grunde die intelligente legale Variante von kino.to. Natürlich ist Hulu mittlerweile korrumpiert. Langsam war es angeblich immer, und neuerdings muss für die beliebtesten Serien gezahlt werden. Den Fehler nicht zu begehen und die Kosten anders zu decken wäre eine Herausforderung für die hochbezahlten Manager der Industrie.
Ein Versuch, etwas Ähnliches wie Hulu auf die Beine zu stellen scheiterte vor nicht allzu langer Zeit am Kartellamt. Was sagt uns das? Dass der Rechtsstaat sich an die neuen Gegebenheiten anpassen muss. Die Inhalte nach Fernsehsendern oder Produktionsfirma zu trennen würde den Nutzerkomfort vernichten und einen großen Nachteil gegenüber illegalen Seiten, die sich um Rechtehickhack nicht zu kümmern brauchen, bedeuten. Meine Idee wäre, als Kompromiss vielleicht die Inhalte getrennt (nach Eigentümergesellschaft) zu hosten, aber trotzdem, der Komfortabilität zuliebe, über eine zentrale Suchmaschine an den Mann zu bringen. So wäre auch der Konkurrenzdruck weiterhin gegeben und die Firmen gezwungen, das Produkt so nutzerfreundlich wie möglich zu halten. Die Möglichkeiten sind endlos, das Potenzial riesig, die Blindheit der Industrie und die reaktionäre Haltung der Aufpasser (GVU) erschreckend.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass man den Willen von Millionen nicht effektiv reaktionär bekämpfen kann. 1789 wollten die Franzosen das Ende des Absolutismus, und trotz aller Abwehrbemühungen haben sie bekommen was sie wollten. Der König verlor seinen Kopf, weil er nicht von vorn herein mitgearbeitet hatte. 1989 wollten die Menschen in Osteuropa, vor allem Ostdeutschland, die Wende. Die Mauer fiel auch gegen den Willen der DDR-Regierung, die kurz darauf im Nichts verschwand. Heute geht es um weniger schwerwiegende Themen, es geht nur um die simple Frage wie und zu welchem Preis die Menschen heutzutage Medien konsumieren. Die Nachfrage sollte das Angebot regeln, aber komischerweise passiert das nicht. Und das kann der Industrie irgendwann den Kopf kosten. Denn solange sie nichts tut wird die Nachfrage von illegalen Angeboten befriedigt und die Einnahmen wandern auf die Privatkonten derer, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Eigentlich kann man den kino.to-Betreibern ihre Millionen nur gönnen. Eine gute Geschäftsidee, orientiert an den Zeichen der Zeit und den Bedürfnissen eines Millionenmarktes. Das Geld hätte der Filmindustrie gehören können, die sich aber nach wie vor weigert und somit selbst Schuld an ihrem Gewinneinbruch ist.

Wir machen weiter – ob legal oder illegal.

About cr
Born in the very north of Germany, I am currently living in Singapore to study Tourism and Hospitality Management. Afterwards, flying college to become and airline pilot. I try to maintain an optimistic view on the world but I also tend to get angry at things like politics.

Comments are closed.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 345 other followers