In weniger als zwölf Stunden werde ich Deutschland verlassen. Nicht für immer zwar, aber dennoch ist es wohl die erste Etappe eines Abschieds. Sechs Monate Singapur, danach hoffentlich dreizehn in Salzburg, und dann was auch immer. Mir gehen da dieser Tage ein paar Gedanken durch den Kopf.
Tut es mir weh, zu gehen? Ein wenig. Nur ein wenig. Erstmal ist es einfach Zeit zu gehen. Bei Tieren ist es oft ganz normal, dass die Jungen – sofern sie überhaupt von den Eltern großgezogen werden – ausziehen in ihr neues Leben. Bei Menschen ist das etwas schwieriger. Tiere müssen zum Beispiel nicht bei der Bundeswehr um Erlaubnis fragen, wenn sie ausfliegen wollen. Und sie müssen nicht hinnehmen, dass die Antwort nein lautet. Ich habe dadurch ein ganzes Jahr meines Lebens verloren, und es macht sich einfach ein gewisser Frust breit. Ich will raus, meine Mutter will mich raus haben. Nicht weil wir uns nicht gut verstehen, sondern weil es an der Zeit ist. Überfällig. Der Drang wächst bei mir schon seit Jahren, jetzt ist er fast nicht mehr auszuhalten. So ist Singapur auch die einzige vernünftige Entscheidung: wenn schon, denn schon. Die Glühbirne ist entweder an oder aus. (Zitat Homer Simpson)
Ich lasse viel zurück. 21 Jahre. Familie, Freunde. Meine Habseligkeiten müssen auf 23 Kilogramm begrenzt werden, eine schmale Basis für die Zukunft, die aber auch genug Raum für Wachstum lässt. Was die Familie betrifft habe ich ja schon angedeutet, dass das Flüggewerden nicht zu ignorieren und das Ausfliegen notwendig ist. Was die Freunde betrifft lasse ich natürlich eine soziale Struktur zurück, in die ich fest eingewachsen bin und in der ich mich immer sehr wohl gefühlt habe. Mein engerer Freundeskreis besteht fast nur aus ehemaligen Schulkollegen. Und von denen hat in einem Jahr seit dem Abitur nur eine etwas auf die Zukunft gerichtetes angefangen, und auch das erst kürzlich. Das Resultat ist, dass allmählich ein gewisser Unmut in der Luft hängt. Zickereien, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte nehmen in letzter Zeit rasant zu. Das ist schade. Unbewusst ist es wohl der Weltschmerz in uns allen, der Frust über den Stillstand, der uns so werden ließ. Es ist Zeit, dass jeder von uns sich wieder auf festem Boden bewegt, Halt findet und Luft zwischen sich und die anderen bringt. Das heißt nicht, dass unsere Gruppe zugrunde geht oder gehen muss. Im Gegenteil würde sie sogar gefestigt wenn die einzelnen Mitglieder gefestigt wären. Somit bin ich froh, heilfroh, dass ich jetzt endlich wieder auf einem Pfad wandle, und ich hoffe von ganzem Herzen, dass meine Freunde es auch bald tun werden. Ich gönne es jedem von ihnen von ganzem Herzen. Dass wir uns (noch?) nicht auseinander gelebt haben hat mir der gestrige Abend gezeigt. Als meinen Freunden klar wurde, dass ich schon bald flöge zwangen sie mich eine Abschiedsfeier zu schmeißen. Widerwillig (angesichts der noch zu bewältigenden Aufgaben bis zum Abflug) tat ich das, und wer irgendwie konnte fand den Weg zu mir. Man überreichte mir einen hochwertigen digitalen Bilderrahmen mit Fotos aus all den Jahren und Abenteuern, die wir zusammen verbracht haben. So werde ich diese tollen Menschen auf keinen Fall vergessen, wo immer ich auch bin. Das ist gut so. Und wer weiß, wenn wir uns mal alle wiedersehen, nach einigen Flugrunden ins Nistgebiet zurückkehren, dann werden wir vielleicht besser feiern als je zuvor. Hoffentlich. Ich bliebe eigentlich gern hier, weiß aber auch dass mich das nie vollends glücklich machen könnte. Auch wenn Abschied weh tut muss er doch sein, um den wahren Wert dessen zu erkennen was man hat und sich auf das Wiedersehen zu freuen.
Schade um meine Freunde. Dem Gros meiner Landsleute weine ich jedoch keine Träne nach. 2011 war bisher ein ereignisreiches Jahr, in dem frei zutage trat was sich schon lange entwickelt hatte:
Deutsche sind scheiße.
Ein ganzes Volk von Egoisten, Opportunisten und engstirnigen Mitläufern. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht, das ist wahr. Aber was wir in Stuttgart sehen, was wir an Guttenberg, an dem Verrat an den libyschen Rebellen, an der Energiekrise sehen, das ist einfach eins: Die Öffentlichkeit dieses Landes weiß nicht, was sie will. Keinen Atomstrom will sie, urplötzlich nicht mehr, das ist nachvollziehbar. Sie will aber auch keine erneuerbaren Energien, sie will keine fossilen Brennstoffe (zumindest eigentlich), und auch keine kreativen Lösungen zur Rettung des Planeten. Das heißt, eigentlich wollen sie das schon. Kohlenstoff unter der Erde zu speichern wurde zunächst als super Idee begrüßt. Als dann ein Standort in Schleswig-Holstein ausgewählt wurde machte das ganze Bundesland auf dem Hacken kehrt und plusterte sich auf.
Stichwort Stuttgart: alle wollen Innovation, alle wollen besser reisen. Aber wenn ein neuer Bahnhof gebaut wird greift das das Gewohnte an, Veränderung macht Angst, also saugt man sich Argumente aus den Fingern und rottet sich zusammen. Das selbe passiert in Berlin. Die Reichen, die im Süden der Stadt leben, haben immer nach einer besseren Fluganbindung Berlin geschrien. Als der neue Flughafen jedoch im Süden der Stadt entstehen sollte und die Flugrouten in der Konsequenz über die lauten Rasenmäher und Sportboote führen sollten rottete man sich zusammen und war auf einmal dagegen. Gut, dass das ignoriert wurde. Die Liste ist endlos, doch sie lässt sich ganz einfach zusammenfassen:
Diese Gesellschaft will keine Veränderung, keine Beeinträchtigung des Einzelnen, Notwendigkeiten leugnen und alles beim Alten belassen.
Das ist die Devise der Deutschen. Und das stinkt mir. Man jammert darüber, dass wir zunehmend abgehängt werden, doch keiner ist bereit dagegen anzuwirken. Mehr arbeiten ist seit jeher verpönt, mehr Steuern zahlen sowieso, Sparmaßnahmen der Regierung werden erst gefordert und dann verschrien. Der Deutsche will keine Veränderung. Sie macht ihm genau so viel Angst wie der Gedanke daran, aus Mangel an Innovation weltweit abgehängt zu werden. Und er will nicht aus dem Gewohnten ausbrechen, sein eigenes Leben verändern um damit dem ganzen Land einen Gefallen zu tun. Patriotismus ist tot.
Und genau das ist es, was mir den Abschied so leicht macht. Eine ganze Nation – angeblich hoch gebildet und fortschrittsorientiert – voll von egoistischen Arschlöchern schickt sich an, mir bei jeder Tagesschausendung einen Herzinfarkt zu verpassen. Wenn das so weiter geht wird die Prophezeihung desjenigen wahr, mit dessen Worten kein Deutscher gern in Verbindung gebracht wird. Ich nehme mir die Dreistigkeit heraus, frei nach einem komplett aus dem Kontext gegriffenen Zitat folgendes zu sagen:
Wenn das deutsche Volk weiterhin aus purem Egoismus auf die Anarchie hinarbeitet, auch den letzten Funken von Eintracht und Kompromissbereitschaft in stumpfen Hauptsache-Anti-Protesten erstickt, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden. Ich werde dann dem deutschen Volk keine Träne nachweinen.
Ja, ich weiß, Hitlerzitate und Hitlervergleiche sind nicht gern gesehen. Wenn das hier mal ein Personalchef ergoogelt werde ich es schwer haben. Aber zumindest ist es so schmerzhaft deutlich, und ich meine es so. Wenn man eine Regierung demokratisch wählt und dann so heftig gegen sie vorgeht, dass sie handlungsunfähig wird, dann haben wir auch keine Demokratie mehr. Dann brauchen wir keine Regierung, keine Gesetze, nichts. Soll doch jeder sehen, wie er selbst zurecht kommt. Genau das scheinen die Leute ja zu wollen. Gerade zur immer noch aktuellen Energiekrise kann ich da deutlich sagen: reißt doch alles ein. Aber wundert euch dann nicht wenn ihr nicht mehr auf bild.de gehen könnt, weil euer Computer nunmal Strom braucht. Wer Zivilisation will, der muss auch die Grundlagen dafür schaffen und bereit sein, ein Teil der Lösung zu werden. Ansonsten kann ja jeder wieder seine eigenen Schweine in der Garage halten. Gefiele garantiert auch keinem. Zu den großen Infrastrukturprojekten und den Spießern die dagegen sind, sich aber fleißig über die überlastete Infrastruktur beschweren sage ich: geht doch alle zu Fuß. Mal sehen wie euch das gefällt. Und vor allem: wenn ihr eine Regierung wählt, dann lasst sie auch handeln. Zur Demokratie gehört nämlich auch, zu akzeptieren wenn die anderen in der Mehrzahl sind. Was wäre denn wenn nach einer Klassensprecherwahl die halbe Klasse die Schule schwänzte?
Und das ist genau der Punkt warum ich mich so freue nach Singapur zu gehen. Da herrscht nämlich noch Zucht und Ordnung. Da wird gemacht was gesagt wird. Klar, die Demokratie leidet etwas drunter. Aber wenn man der Demokratie zu viel freien Lauf lässt wird sie bösartig missbraucht, wie in Deutschland. Singapur ist die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der Welt, liegt im Human Development Index gleichauf mit Deutschland und wird uns wohl überholen, abhängen. Warum? Innovation wird dort einfach gemacht statt nur versprochen, beschlossen und dann totdiskutiert zu werden.
Ich bin bekennender Monarchist, aber ich bin klar für eine Konstitutionelle Monarchie. Die ist am ehesten, was ich für optimal halte. Aber wir brauchen keinen Kaiser, wir brauchen nur Disziplin. Die Deutschen müssten einfach nur ein bisschen weniger Arschloch sein. Dann wären im Kleinen die Autobahnen wesentlich sicherer und im Großen das ganze Land zukunftsträchtiger. Das meint nicht, Diktatoren haben. Es heißt einfach nur: miteinander reden und kompromissfähig sein. Dieser Soft Skill scheint dem ganzen Land derzeit zu fehlen. Also liebe Mitdeutschinnen und Mitdeutsche, falls ihr euch wundert warum ich euch so gern den Rücken kehre und euch eurem wohlverdienten Verderben überlasse: es liegt an euch. Kratzt euch doch gegenseitig die Augen aus, es ist mir mittlerweile scheißegal.
Ich bin traurig, dass ich so über mein Vaterland reden muss. Ich schäme mich fremd für das Verhalten, dass die Öffentlichkeit an den Tag legt. Und ich möchte damit einfach nichts zu tun haben. Deswegen weine ich zwar meinen Freunden, meiner Familie, meiner Heimat nach, nicht jedoch dem abstrakten Gebilde Deutschland (dem Deutschland, das wir alle sind).
Auf Wiedersehen!
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