Bund Deutscher Kriminalbeamter zu ACTA

In einem kürzlich veröffentlichten Kommentar zu ACTA und den ACTA-Demonstrationen hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter sich zum neuesten Deppen der Nation in Sachen Internet gemacht. Groß darauf eingehen will ich nicht weiter, aber hier mal zwei Zitate:

“Sie [die ACTA-Gegner] sind der Überzeugung, dass zum Beispiel illegale Downloads von Musikstücken und Filmen ihr gutes Recht sei und Urheberrecht für sie nicht gelten würden.”

Falsch. Nicht ILLEGALE sondern FREIE Downloads sollten jedermanns gutes Recht sein. Soweit hat sich die Kultur eben entwickelt, und die Rechtslage hinkt hinterher. Das Urheberrecht ist gut, wichtig, und gehört reformiert damit die Künstler auch wirklich was von ihrer Arbeit haben. Außerdem wird oft gern vergessen, dass das Wort ‘Urheberrecht’ eigentlich irreführend ist. Denn die meisten Künstler – zumindest diejenigen die mit ihrer Kunst überhaupt überleben könnten – haben ihre Rechte an die Contentindustrie abgetreten. Somit passt der englische Begriff ‘Copyright’ meiner Ansicht nach besser, denn alles was der Künstler davon hat sind Tantiemen, und der Großteil verschwindet in großen Unternehmen die schlichtweg überflüssig geworden sind.

Aber es wird noch lustiger:

“Einzige Voraussetzung [für die Durchsetzung des Urheberrechts in Deutschland] ist die überfällige und dringend notwendige Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung.”

AHA. Die Vorratsdatenspeicherung war doch eigentlich ausschließlich dazu gedacht Terroristen zu jagen, damit keine Gefahr für Leib und Leben entsteht. So schwer es mir fällt, aber den Gedanken lasse ich mal so im Raum stehen.

Gute Nacht!

Revolution? Was die Gema und der Absolutismus gemeinsam haben

Aus gegebenem Anlass sehe ich es an der Zeit, einmal ein paar kurze Gedanken zum Thema GEMA aus dem Hirn des Hobbyhistorikers niederzuschreiben.

Der gegebene Anlass sind zwei Artikel die ich heute dank Twitter gelesen habe. Der erste, von der Süddeutschen Zeitung, thematisiert die Youtube-Sperren. Offenbar hat Lou Reed auf Facebook einen Youtube-Link zu einem seiner eigenen Lieder gepostet. Das verlinkte Video ist in Deutschland jedoch gesperrt, was den Verfasser des Kommentars dazu gebracht hat, darüber nachzudenken woher die GEMA wohl das Recht nimmt das Lied zu zensieren wenn der Künstler selbst es verbreitet.
Der Zweite findet sich auf Basic Thinking und thematisiert einen erregten Facebookpost von Jan Delay zum Thema Abmahnungen. Laut Aussage des Künstlers bekommen die Musiker von den durch Abmahnungen verdienten Milliarden keinen Cent.

Und jetzt mal die historische Sicht der Dinge. Wir stehen dank des Internets gerade an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Das Internet ist  meiner Ansicht nach mindestens eine so bedeutende Erfindung wie das Rad oder die Dampfmaschine. Es verändert unser Leben radikal, es verändert unser Zusammenleben radikal, es verändert unsere Welt radikal.

Wenn man auf ähnliche Zeiten zurückblickt findet sich im Schatten derartiger technologischer Revolutionen immer eine Reihe von beinharten Veränderungen. Die Schrift ermöglichte es erst, Wissen zu transferieren und aufzubewahren oder über große Distanzen zu kommunizieren. Im Zuge dessen veränderte sich die Gesellschaft – aus kleinen Stammesgemeinschaften wurden Territorialstaaten und Reiche, aus einfachen Hütten wurden Paläste und aus einfachen anarchistischen Gesellschaften wurden zivilisierte mit Gesetzen und einer festgelegten Ordnung
Die Dampfmaschine ermöglichte schnelleres Reisen und automatisierte Industrieproduktion. Die Folge waren politische Veränderungen wie etwa das Zusammenwachsen der deutschen Kleinstaaten oder die enorme Ausdehnung von Imperien wie dem Britischen; die Industriegesellschaft funktioniert(e) nach ganz neuen Regeln die am Ende zur Herrschaft des Geldes und derer die es besitzen führten.
Das sind zwei spontane Beispiele die zeigen, dass eine enorme technologische Veränderung auch immer eine Veränderung in Gesellschaft und Politik bedeutet. Wir stehen an der Schwelle dieser Revolution, doch sie zeichnet sich ab: der Arabische Frühling wäre ohne Internet undenkbar gewesen, Wikileaks und unabhängige Blogger verändern den Informationsstrom zwischen Regierungen und Bürgern, der jetzt über zahlreiche ungefilterte Kanäle fließt. Die Zeit der globalen Vernetzung ist auch die Zeit der globalen freien Rede und das Ende der Geheimniskrämerei. Es bedeutet für viele Länder einen notwendigen Quantensprung, der am Mittelmeer blutig herbeigeführt wurde. Die neue Zeit fordert eine Neuausrichtung, manchmal eine Neuerfindung des Systems. China weiß das, und setzt alles daran seine Bürger im Internet vom Rest der Welt abzuschirmen. Das geschieht beispielsweise durch eigene Dienste (RenRen als Facebook-Ersatz, Weibo statt Twitter, Baidu statt Google) und das Aussperren der ausländischen.

Was wir gerade erleben und noch vor uns haben wird unsere Welt nachhaltig verändern. Die Gesellschaft ist bereits verändert: Wissen ist Macht und dank Google, Wikipedia und Wikileaks ist Macht jetzt quasi jedem zugänglich, es fällt herrschenden Eliten schwerer ihr Machtmonopol zu sichern. So bereits geschehen vor knapp 200 Jahren, als das Zeitalter der Aufklärung immer mehr Menschen das Lesen, das Wissen und die Bildung ermöglichte. Letztendlich wurde das herrschende System, der Absolutismus, in Frage gestellt und nach und nach durch neue Systeme ersetzt. Heute haben wir in ganz Europa freie Demokratien, das Endergebnis des damaligen Umschwungs.

Und jetzt erfordert das Internet einen ähnlichen Umschwung in Ländern die bisher noch nicht auf der Endstufe angelangt waren. Doch denken wir in etwas kleineren Dimensionen stehen wir auch in Deutschland vor einer Art Revolution. Die GEZ hat schon lange ausgedient, und viel zu spät reagierte man mit der Einführung der Haushaltsabgabe statt der Gerätegebundenen. Die GEMA allerdings sorgt weiter für Frust, und ich habe das Gefühl, dass dieser Frust sich immer weiter anstaut und die Worte langsam härter, deutlicher werden. Vielleicht wird Jan Delays Äußerung irgendwann in Geschichtsbüchern erscheinen, wer weiß. Revolutionen haben sich schon an weniger entzündet als an der konsequenten Verarschung und Aussperrung von Millionen.
Fakt ist, dass in Sachen Medienkonsum ein großer Aufholbedarf besteht. Vor einer Weile habe ich schon einmal die Kino.to-Schließung thematisiert. Die Technologie, vor allem aber die mentale Situation der Menschen ist den Gesetzen und dem gesamten System um mindestens Jahre voraus. Repressalien helfen in so einer Situation nicht, und wer zu lange an Verlorenem festhält muss letztendlich um seinen Kopf bangen. Wer das nicht glaubt kann sich in die französische Revolution, den arabischen Frühling oder die vereinzelten Proteste in China einlesen.
Wir stehen weniger vor einem politischen Problem als vor einem Gesellschaftlichen, und die GEMA ist das große Feindbild der Masse. Wenn sich allerdings die Gesellschaft bzw. der Markt irgendwann ruckartig an der GEMA bzw. an der Industrie entlädt könnte die Explosion die Politik mitreißen und weiteren großen Schaden anrichten. Was da genau passieren könnte, darüber kann nur spekuliert werden. Aber es könnte vielleicht sogar zu einem politischen Rückfall führen. Mit der Meidenindustrie – und zeitgleich ja auch den Banken, was wir nicht vergessen dürfen – als Feindbilder der Masse ist eigentlich idealer Nährboden für radikalen Kommunismus da. Ist auch nicht das erste Mal.

Der sich spürbar aufbauende Druck kann leicht entlassen werden, nämlich durch eine radikale Umstrukturierung der gesamten Medienkonsumlandschaft und vor allem der Denkweise der Industrie. Wenn Kunst nicht mehr als kontrolliert handelbare Ware sondern als gesellschaftliches Gut angesehen würde könnte eine für alle Seiten zufriedenstellende Situation geschaffen werden. Natürlich wäre die Konsequenz weniger Profit für die Firmenbosse, und genau daran wird es scheitern. Die rennen lieber offenen Auges ins Verderben und setzen sich dann, wenn der Schaden komplett angerichtet ist, einfach in den Ruhestand ab. Doch das Land könnte heruntergewirtschaftet, gesellschaftlich gespalten und politisch ruiniert daraus hervorgehen.

Dass das Internet uns zu gesellschaftlichem und politischem Fortschritt zwingt ist keine Frage. Die Frage ist nur, ob man es als natürlicheKino.to-Schließungn Prozess ansehen möchte dem man folgt und sich so langsam aber sicher an die neue Situation anpasst oder ob man so lange mit dem alten Weg weitermacht bis es gehörig kracht. Eine Frage, die sich alle Parteien selbst beantworten müssen. Fraglos ist jedoch, dass die GEMA ausgedient hat und jetzt nur noch als Krebsgeschwür in der Mitte des gesellschaftlichen Körpers sein Unwesen treibt, die Gesellschaft und den Staat von innen zersetzt. Ähnlich ging es auch mit Ludwig XVI und Muammar Gaddafi zuende.

Deutsches Hulu, legales Kino.to, give the people what they want

Gerade lese ich auf Basic Thinking, dass kino.to wieder da ist. Mit neuem Namen, als kinox.to, aber wen schert das schon. Entscheidend ist doch, dass die Tradition der Linksammlungen zu frei verfügbaren Medieninhalten weiterlebt.

Kino.to wurde vor einer Weile von der Polizei hochgenommen, bei einer europaweiten Razzia die Unmengen an Steuergeldern verschlang. Für was? Für nichts. Zunächst einmal dürfte nur ein geringer Teil der Bevölkerung die Schließung der Seite gut gefunden haben, zum anderen schossen in den Wochen danach neue, ähnliche Seiten aus dem Boden. Der Postillon titelte im Juni “Razzia bei kino.to zwingt Millionen User, zwei Minuten nach neuer Streaming-Plattform zu suchen.” Und so war es auch. Abgeschreckt wurde niemand, nur verärgert.

Seit kurzem studiere ich Marketing und Management. Zwei Lektionen habe ich bisher nur gehabt und doch reicht das dadurch erlernte Wissen aus um etwas zu sehen, was die ganze Entertainmentindustrie offenbar nicht sehen will: ein neuer Markt, ein neues Geschäftsfeld, und Abermillionen von Euro. 2,5 von diesen Millionen und ein “Luxusauto” (Basic Thinking) wurden bei einem kino.to Betreiber sichergestellt. Hochgerechnet auf die Anzahl der Beteiligten dürfte der Reingewinn der illegalen Seite locker im zweistelligen Millionenbereich liegen. Und jetzt ein Gedankenexperiment:

Nehmen wir an, die Filmindustrie nimmt das Brett vom Kopf weg und analysiert den Markt. Es finden sich in Deutschland 65 Millionen Internetnutzer, Tendenz steigend. Die Infrastruktur ermöglicht den Transfer großer Datenmengen. Und die Leute haben sich daran gewöhnt, ihre Filme und Serien zu sehen wann und wie oft sie es wollen. Der Markt schreit so laut nach diesen Angeboten, dass immer mehr Leute das Risiko auf sich nehmen illegale Portale online zu stellen. kinox.to ist eins davon, video2k.tv ein anderes, das als kino.to-Nachfolger gefeiert wurde. Ein Riesengeschäft boomt mit online kostenfrei angebotenen Filmen und Serien. Kostenpflichtige Angebote, wie das durchaus großartige Maxdome, scheinen sich im Gegenzug nicht so großer Beliebtheit erfreuen. Die Menschen, die Kunden, stufen den Wert einer How-I-Met-Your-Mother Folge heutzutage niedriger ein als zu den Zeiten in denen die heutigen Topmanager der Filmkonzerne in ihren Beruf starteten. Sie wollen nicht extra bezahlen und schon gar nicht erst die DVD kaufen um vor dem Einschlafen 20 Minuten Unterhaltung zu bekommen. Die Industrie stemmt sich mit aller Macht vergeblich gegen diesen Trend. Dabei liegt das Gold doch förmlich auf der Straße. Die Betreiber von kino.to haben es vorgemacht. Dabei wurde der Traffic und die Serverleistung von anderen getragen – von Duckload, Megavideo, Mystream – die auch alle sehr genau wissen dürften dass ihre Existenz von den illegal bei ihnen gehosteten Dateien abhängt. Alle haben sich offenbar rentiert und rentieren sich weiter. Der Grund: Werbung. Je mehr User eine Seite anzieht desto höher die Werbeeinnahmen. Je besser der Service einer Seite, desto mehr User werden angezogen. Ein vernünftig aufgestelltes legales Portal könnte ungeahnte Erträge generieren.

Nehmen wir an, die Filmindustrie nimmt das Brett vorm Kopf weg und setzt ein legales kino.to auf. Eigentlich könnten sie das sogar unter der selben Domain tun, die ja jetzt der Polizei gehört. Das neue Portal stünde in bester Tradition.
Die Filmindustrie, gestärkt durch Milliardengewinne, Aktien und vor allem die Sicherheit der Legalität, könnte ein neues kino.to erschaffen, von dem niemand je geträumt hätte. Mehr Server, bessere Server, größeres Datenvolumen. Vor allem könnte das Hosten erstmals integriert stattfinden, statt den Usern nervige Weiterleitungen auf externe Seiten aufzuzwingen. An Einfachheit und Komfort kaum zu übertreffen. Das Nächste könnte die Qualität sein. Statt schlecht abgefilmter verpixelter Kopien könnten Videos in HD bereitgestellt werden, oder dem User die Wahl der Qualitätseinstellungen (a la Youtube) gelassen werden.

Fassen wir doch die Vorteile eines neuen, legalen, kino.to zusammen:
- Tradition (keine Umgewöhnung) durch Beibehaltung der beschlagnahmten Domain
- Nie dagewesenes Datenvolumen und Videoqualität durch kommerziell finanzierte Server
- Integriertes Streaming, Komfort für User
- Garantierte extreme Nutzerzahlen durch jetzt schon riesigen, unterbefriedigten Markt
- Abzug der Nutzer von illegalen Seiten durch bessere Qualität, Service, und Legalität
- Finanzierung des Ganzen durch Werbung, mit höheren Einnahmen als bei illegalen Seiten
- Wegfall von Kosten für Produktion und Vertrieb von DVDs
- Geringe Kosten, da wenig Personal zur Pflege der Seite benötigt wird

Das Prinzip ist nicht neu und wird in den USA schon länger praktiziert. Daher der Ruf nach einem “deutschen Hulu.” Hulu ist im Grunde die intelligente legale Variante von kino.to. Natürlich ist Hulu mittlerweile korrumpiert. Langsam war es angeblich immer, und neuerdings muss für die beliebtesten Serien gezahlt werden. Den Fehler nicht zu begehen und die Kosten anders zu decken wäre eine Herausforderung für die hochbezahlten Manager der Industrie.
Ein Versuch, etwas Ähnliches wie Hulu auf die Beine zu stellen scheiterte vor nicht allzu langer Zeit am Kartellamt. Was sagt uns das? Dass der Rechtsstaat sich an die neuen Gegebenheiten anpassen muss. Die Inhalte nach Fernsehsendern oder Produktionsfirma zu trennen würde den Nutzerkomfort vernichten und einen großen Nachteil gegenüber illegalen Seiten, die sich um Rechtehickhack nicht zu kümmern brauchen, bedeuten. Meine Idee wäre, als Kompromiss vielleicht die Inhalte getrennt (nach Eigentümergesellschaft) zu hosten, aber trotzdem, der Komfortabilität zuliebe, über eine zentrale Suchmaschine an den Mann zu bringen. So wäre auch der Konkurrenzdruck weiterhin gegeben und die Firmen gezwungen, das Produkt so nutzerfreundlich wie möglich zu halten. Die Möglichkeiten sind endlos, das Potenzial riesig, die Blindheit der Industrie und die reaktionäre Haltung der Aufpasser (GVU) erschreckend.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass man den Willen von Millionen nicht effektiv reaktionär bekämpfen kann. 1789 wollten die Franzosen das Ende des Absolutismus, und trotz aller Abwehrbemühungen haben sie bekommen was sie wollten. Der König verlor seinen Kopf, weil er nicht von vorn herein mitgearbeitet hatte. 1989 wollten die Menschen in Osteuropa, vor allem Ostdeutschland, die Wende. Die Mauer fiel auch gegen den Willen der DDR-Regierung, die kurz darauf im Nichts verschwand. Heute geht es um weniger schwerwiegende Themen, es geht nur um die simple Frage wie und zu welchem Preis die Menschen heutzutage Medien konsumieren. Die Nachfrage sollte das Angebot regeln, aber komischerweise passiert das nicht. Und das kann der Industrie irgendwann den Kopf kosten. Denn solange sie nichts tut wird die Nachfrage von illegalen Angeboten befriedigt und die Einnahmen wandern auf die Privatkonten derer, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Eigentlich kann man den kino.to-Betreibern ihre Millionen nur gönnen. Eine gute Geschäftsidee, orientiert an den Zeichen der Zeit und den Bedürfnissen eines Millionenmarktes. Das Geld hätte der Filmindustrie gehören können, die sich aber nach wie vor weigert und somit selbst Schuld an ihrem Gewinneinbruch ist.

Wir machen weiter – ob legal oder illegal.

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